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Article: Menschen – nicht Medien – revoltieren

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von Philipp Budka in “Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.01.2011
Online: die Presse.com

„Social Media“ wie Facebook gelten als neuer Zunder der Revolution. Interaktive und vernetzte Medien sind aber schon lang wichtige Werkzeuge sozialpolitischer Bewegungen.

Die Bedeutung von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien für die sozialpolitischen Umbrüche in Tunesien sowie die Proteste in Ägypten wurden und werden sowohl in der österreichischen als auch in der internationalen Medienlandschaft intensiv diskutiert. Kaum ein Beitrag, der „sozialen“ Medien wie Facebook oder Twitter nicht wesentlichen Anteil an der „Revolution“ in Tunesien oder den Protesten in Ägypten einräumt.

Bei allem Respekt vor Journalistinnen und Journalisten, die mittels Handy und Twitter direkt aus Krisenregionen und an staatlich kontrollierten Massenmedien vorbei berichten, vor einem Künstler, der sich musikalisch via YouTube gegen ein autokratisches System stellt, und vor einem Piloten, der sich weigert, Mitglieder des unterdrückenden Regimes außer Landes zu fliegen und dafür zu Recht auf Facebook gefeiert wird: Nicht vergessen sollten wir etwa bei der tunesischen „Revolution“, dass dieser politische Umbruch auf der Straße herbeigeführt und entschieden wurde.

Digitale, interaktive und vernetzte Alternativmedien waren schon lange vor den sogenannten „Social Media“ wichtige Werkzeuge von sozialpolitischen Bewegungen. Prominentes Beispiel ist der Aufstand der Zapatistas in Mexiko, der 1994 mittels Newsgroups, Mailing-Listen und Webseiten eine internationale Gegenöffentlichkeit erzeugte. Diese wiederum war bemüht, Druck auf die mexikanische Regierung auszuüben, um der indigenen Bevölkerung endlich Menschen- und Landrechte zuzugestehen. Rückblickend war es aber vor allem die geschlossen auftretende mexikanische Zivilbevölkerung, die durch landesweite Märsche, Demonstrationen und Petitionen maßgeblich zur Unterstützung der unterdrückten Indigenen Mexikos beitrug.

Neue soziale Online-Medien wurden dann beispielsweise 2009 im Zug der Wahlen im Iran verwendet, um auf staatliche Unterdrückung und gewalttätige Übergriffe auf Regierungskritiker international aufmerksam zu machen. Aber auch hier war es der sozialpolitische Druck der Straße, der dem iranischen Regime ernsthafte Probleme bereitete. Internettechnologien wie Twitter, YouTube oder Facebook konnten solange als alternative Kommunikations- und Informationsmittel eingesetzt werden, bis der Staat, vor allem dank europäischer Softwaresysteme, in der Lage war, auch diese Kommunikation zu kontrollieren, zu zensieren und zu unterdrücken. Ähnliches spielt sich nun auch in Ägypten ab.

Digitale Medientechnologien sind wunderbar geeignet, um Bilder, Texte und Augenzeugenberichte eines politischen Umbruchs schnell an eine online vernetzte „Weltöffentlichkeit“ zu vermitteln. Wie die aktuellen Beispiele Tunesien und Ägypten zeigen, finden vor allem mobile Kommunikationstechnologien in zunehmendem Maß für die lokale Protestorganisation Verwendung.

Dennoch – abseits des Hype, auf dem Boden der Tatsachen, sollten zwei Punkte besonders betont werden: Erstens hat nicht die gesamte Weltbevölkerung gleichermaßen Zugang zu digitalen Technologien (einerseits aus finanziell-wirtschaftlichen und infrastrukturellen Gründen, andererseits, weil politische Regimes versuchen, diesen Zugang aktiv zu kontrollieren). Und zweitens sind es auch im Zeitalter von Facebook & Co. die Menschen auf den Straßen, die die entscheidenden Handlungen setzen, um „Revolutionen“ herbeizuführen oder eben nicht.

Philipp Budka
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien

TAZ Artikel “Social Network für Indianer – ‘Wir waren zuerst da!'”

TAZ Artikel “Social Network für Indianer – ‘Wir waren zuerst da!'” published on No Comments on TAZ Artikel “Social Network für Indianer – ‘Wir waren zuerst da!'”

von Sunny Riedel, TAZ, 08.06.2010 (Print, PDF und Online)

“MyKnet ist eine soziale Online-Umgebung von Indianern für Indianer”, erklärt Philipp Budka vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Seit ein paar Jahren forscht er über das Internetportal und dessen Provider Knet.

Das Herzstück ist MyKnet.org, eine Ansammlung von Homepages, über die Angehörige der First Nations, wie sie sich selbst bezeichnen, miteinander kommunizieren.

Wie die meisten Aboriginals werden auch die First Nations stark benachteiligt. Ihre Siedlungen und Reservate sind häufig weit voneinander entfernt, Straßen gibt es kaum. Nur im Winter, wenn Flüsse und Seen zugefroren sind, brausen Trucks über diese “winter roads”. Im Sommer können die Distanzen nur per Flugzeug bewältigt werden. Die fehlende Perspektiven in der Isolationbringt Probleme mit sich. Depressionen, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit und eine hohe Selbstmordrate sindAlltag.

“Grund dafür ist die Unterdrückung der First Nations und die Missachtung ihrer Kultur durch die Mehrheitsgesellschaft”, erklärt Philipp Budka. Um das Web 2.0 dafür zu nutzen, die eigene Kultur zu fördern, hatte das Tribal Council, ein Zusammenschluss der politischen Führer der Indigenen, die Organisation Knet 1994 gegründet. Im Jahr 2000 folgte das soziale Netzwerk MyKnet.org.

mehr auf: http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/wir-waren-zuerst-da/

New forms of socialities on the web? – Paper at the Web as Culture Conference

New forms of socialities on the web? – Paper at the Web as Culture Conference published on No Comments on New forms of socialities on the web? – Paper at the Web as Culture Conference

Budka, P., Mader, E. 2009. New forms of socialities on the web? A critical exploration of anthropological concepts to understand sociocultural online practices. Paper at “Web as Culture Conference”, Giessen, 16-18 July.

Abstract

Internet technologies and the World Wide Web promised a lot of things: from instantaneous global communication and fast information gathering to new forms of politics, economy, organizations, and socialities, including a renewed sense of community. By studying these online and “virtual” communities, internet researchers initially focused on their structure and development (e.g. Jones 1995, Smith & Kollock, 1999). Social network theory then changed decisively the way communities on the web have been conceptualized and analyzed. Scholars like Barry Wellman (et al., 2002) and Manuel Castells (2000), argue that in the internet age societies, communities, and individuals all have a network character. Thus the conceptualization of community as social network, by focusing on the interactions in these communities, has become widespread in internet studies.

Community and social network as concepts of sociality have been critically reviewed by anthropologists particularly in the context and process of ethnographic fieldwork. Vered Amit (2002), e.g., states that community is, because of its emotional significance and popularity in public discourses, a rather poor analytical concept. Internet ethnographers hence have been starting to look for alternative ways of understanding online socialities by moving beyond the community/network paradigm (Postill 2008).

In this paper we are critically discussing the potential of alternative concepts of sociality to analyze how people are interacting on the web. In so doing, we are firstly reviewing the quite popular concept of “communitas” developed by Victor Turner to differentiate between society as social structure and society as communitas constituted by concrete idiosyncratic individuals and their interactions. In the context of the sociocultural web, the liminal experience of people switching between these two stages is particularly interesting. Secondly, we are introducing the concept of “conviviality”, coined by Joanna Overing, to internet studies. Conviviality accentuates the affective side of sociality, such as joy, creativity, and the virtues of sharing and generosity, as opposed to the structure or functioning of society. These analytical concepts and tools, derived from anthropological and ethnographic research, are finally applied to an empirical case study of Bollywood fan communities on the web and their sociocultural practices.

References

Amit, Vered (ed.). 2002. Realizing community: concepts, social relationships and sentiments. London & New York: Routledge.
Castells, Manuel. 2000. The rise of the network society. Second Edition. Malden: Blackwell Publishers.
Jones, Steven G. (ed.). 1995. CyberSociety: Computer-Mediated Communication and Community. Thousand Oaks: Sage Publications.
Kollock, Peter, Smith, Marc A. (eds.). 1999. Communities in Cyberspace. London & New York: Routledge.
Postill, John. 2008. Localising the internet: beyond communities and networks. In: New Media and Society 10(3), 413-431.
Wellman, Barry, Boase, Jeffrey and Wenhong Chen. 2002. The networked nature of community: online and offline. In: IT&Society 1/1, 151-165.