{"id":613,"date":"2014-09-30T12:22:54","date_gmt":"2014-09-30T10:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.philbu.net\/blog\/?p=613"},"modified":"2016-12-07T10:38:34","modified_gmt":"2016-12-07T09:38:34","slug":"review-europaisch-ethnologisches-forschen-neue-methoden-und-konzepte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/review-europaisch-ethnologisches-forschen-neue-methoden-und-konzepte\/","title":{"rendered":"Review: Europ\u00e4isch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte."},"content":{"rendered":"<p><strong>Budka, P. 2014. Review of Hess, S., Moser, J. &amp; M. Schwertl (eds.). Europ\u00e4isch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin: Reimer Verlag, 2013; 332 pp. Anthropos, 109.2014\/2: 694-696. <\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Sammelband \u201eEurop\u00e4isch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte.\u201c ist es den HerausgeberInnen und AutorInnen gelungen eine wichtige, und wie ich finde l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige, Sammlung rezenter Methoden und theoretischer Konzepte nicht nur f\u00fcr die Europ\u00e4ische Ethnologie\/Volkskunde zusammenzustellen. Auch wenn der Titel ein Naheverh\u00e4ltnis des Bandes und seiner Inhalte zur Europ\u00e4ischen Ethnologie nahelegt, ist dieses Werk durchaus auch VertreterInnen anderer kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen \u2013 von Kultur- und\/oder Sozialanthropologie bis Soziologie \u2013 empfohlen. Insgesamt 17 AutorInnen geben in 12 Beitr\u00e4gen einen einf\u00fchrenden \u00dcberblick zu methodischen und methodologischen \u00dcberlegungen sowie Konzepten, die in den letzten Jahren im einschl\u00e4gigen wissenschaftlichen Fachdiskurs massiv an Bedeutung gewonnen haben: von Ethnographie und Feldtheorien \u00fcber Akteur-Netzwerk-Theorie bis hin zur Analyse visueller und materieller Kultur. Im Folgenden will ich mich einer subjektiven Auswahl an Buchbeitr\u00e4gen widmen, um so zu versuchen die Bandbreite dieses Werkes und seiner Inhalte darzulegen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nSabine Hess und Maria Schwertl behandeln in ihrem einf\u00fchrenden Beitrag zun\u00e4chst genealogisch die Methodenentwicklung und Methodendebatte in der Europ\u00e4ischen Ethnologie\/Volkskunde. Dabei wird einerseits die zentrale Bedeutung des empirisch-ethnographische Forschens als das entscheidende Spezifikum des Faches dargelegt. Andererseits bieten die Autorinnen einen Ausblick in die Zukunft einer Anthropologie des Zeitgen\u00f6ssischen oder des Gegenw\u00e4rtigen und die damit verbundene Notwendigkeit methodische Probleme und Herausforderungen, wie die Erweiterung und Dynamisierung des Feldkonzeptes, zu reflektieren und entsprechend neue Konzepte zu entwickeln und anzuwenden. So vertreten sie den programmatischen Anspruch in \u201eAssemblagen radikal konstruktivistisch zu forschen\u201c, der eine Erweiterung der r\u00e4umlichen Dimension in der ethnographischen Analyse von komplexen, sozialen Verbindungen und Netzwerken beinhaltet (pp. 33).<\/p>\n<p>Gisela Welz setzt die \u00dcberlegungen des einf\u00fchrenden Beitrages fort und besch\u00e4ftigt sich in ihrem Beitrag mit neuen Formen der Zeitorganisation in der ethnographischen Feldforschung. Sie stellt einen gegenw\u00e4rtigen Trend zur \u201eTemporalisierung\u201c von Feldforschung \u2013 also die zeitlich verteilte oder diskontinuierliche Feldforschung \u2013 nicht nur in der Europ\u00e4ischen Ethnologie fest und sieht diese in der Ver\u00e4nderung wissenschaftlicher und universit\u00e4rer Ausbildungspraktiken ebenso begr\u00fcndet wie in der Reduktion von Transportkosten sowie der Zunahme von elektronischen und digitalen Kommunikationsm\u00f6glichkeiten. Welz betont dar\u00fcber hinaus, dass auch die \u201eBeschaffenheit der untersuchten Gesellschaften oder sozialen Situationen\u201c sequenzielle und zeitlich gestaffelte Feldforschung beg\u00fcnstigen oder sogar erfordern (pp. 51). Die Temporalisierung von Feldforschung in der Europ\u00e4ischen Ethnologie und anderen ethnographisch arbeitenden Wissenschaften reagiert so lediglich auf die Temporalisierung des sozialer Alltagspraktiken der Akteure, die es zu untersuchen gilt.<\/p>\n<p>In einem weiteren Beitrag befasst sich Michi Knecht mit den Potenzialen und Zug\u00e4ngen der Ethnographie und der \u201ePraxeographie\u201c in der Wissenschafts-, Medizin- und Technikforschung. Das Konzept der \u201ePraxeographie\u201c meint den ethnographischen Zugang im Kontext praxistheoretischer \u00dcberlegungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung von Aktionen und Interaktionen von Akteuren und Objekten, wie etwa in der Akteur-Netzwerk-Theorie. Beide Zug\u00e4nge erscheinen ihr sehr gut geeignet komplexe Systeme zu dokumentieren und zu analysieren. So erm\u00f6glichen diese Wissen und Lernprozesse als \u201everk\u00f6rperte, relationale und kontextuelle Praxen\u201c zu verstehen, das komplexe Zusammenwirken von, beispielsweise, Kultur und Natur zu analysieren und Fragen nach Materialit\u00e4t, K\u00f6rperlichkeit und Infrastrukturen in den Fokus zu r\u00fccken (pp. 81). Vorrangiges Ziel in der Anwendung von ethnographischen und \u201epraxeographischen\u201c Zug\u00e4ngen in Wissenschafts- und Technikforschung ist es Menschen und Artefakten gleicherma\u00dfen Aufmerksamkeit zu widmen, um so den Anthropozentrismus klassischer Ethnographien zu \u00fcberwinden. Ethnographie ist hierbei nicht nur als Methode zu verstehen, sondern auch als epistemologischer und ontologischer Zugang, der ethische und programmatische Dimensionen beinhaltet und der sich im Forschungsprozess st\u00e4ndig neu ausbalanciert. Die sich best\u00e4ndig verbreiternde Auseinandersetzung der ethnographischen F\u00e4chern mit ihrer eigenen Praxis resultiert auch in der Formulierung ethnographischer G\u00fctekriterien, die f\u00fcr eine substanzielle Debatte \u00fcber Ethnographie und \u201ePraxeographie\u201c in der Analyse komplexer Ph\u00e4nomene wichtig sind.<\/p>\n<p>Walter Leimgruber, Silke Andris und Christine Bischoff geben einen Einblick in die Visuelle Anthropologie, deren Geschichte und Entwicklung, und stellen dann Methoden visueller Anthropologie anhand der beiden Medien Foto und Film vor. Mit Hilfe zweier Fallbeispiele werden zun\u00e4chst methodologische Schritte in der ethnographischen Bildanalyse behandelt, um dann die Probleme und M\u00f6glichkeiten bei Dreharbeiten zu einem ethnographischen Film zu diskutieren. Diese zwei F\u00e4lle stehen exemplarisch f\u00fcr die zwei dominierenden Richtungen in der Visuellen Anthropologie: das Feld der Medienproduktion und den Prozess der Herstellung von eigenen (visuellen) Material sowie den Bereich der Medienanalyse, vorwiegend von fremden (visuellen) Material. Durch den \u201edigital turn\u201c kommt es nun zu einer Vermischung von Medien \u2013 Stichworte \u201emultimedial\u201c und \u201emultisensorisch\u201c \u2013 und damit verbunden zur Notwendigkeit, \u201edie Forschung \u00fcber das Bild hinaus auszuweiten\u201c (pp. 273). Diese Entwicklung stellt die Visuelle Anthropologie und ihre Methoden zwar vor neue Herausforderungen, grundlegende Elemente der visuellen Analyse k\u00f6nnen aber auch weiterhin angewendet werden. Visuelle Methoden sollen so auch zuk\u00fcnftig nicht nur f\u00fcr die anthropologische Wissensbest\u00e4tigung oder zur Illustration genutzt werden, sondern vor allem zur Wissensgenerierung.<\/p>\n<p>Den Schlusspunkt in diesem Sammelband setzt ein E-Mail-Interview, das Sabine Hess und Maria Schwertl mit George E. Marcus f\u00fchrten. Dabei reflektiert der renommierte Kulturanthropologe, der besonders f\u00fcr seine Beitr\u00e4ge in der ethnographischen Repr\u00e4sentationsdebatte sowie der Diskussion um neue Feldbegriffe und Feldforschungsparadigmen bekannt ist, einerseits \u00fcber von ihm mitgepr\u00e4gte Begrifflichkeiten wie \u201eForschungsdesign\u201c, \u201eLabor\u201c oder \u201ekollaboratives Forschen\u201c. Andererseits erl\u00e4utert er auch kurz die Bedeutung von theoretischen Zug\u00e4ngen, wie Assemblage oder Akteur-Netzwerk-Theorie, Konzepte, die in vorliegendem Sammelband h\u00e4ufig aufgegriffen wurden, f\u00fcr die ethnographischen und anthropologischen Wissenschaften. Wie EthnographInnen in dynamischen und komplexen Feldern, wie beispielsweise Wissens\u00f6konomien und deren politische Dimensionen, operieren und diese in ihr Feldforschungsdesign integrieren, bezeichnet Marcus als gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische anthropologische Forschung. Das Beschreiten neuer methodologischer und epistemologischer Wege sowie das Besinnen auf ethnographische Traditionen schlie\u00dfen sich hier nicht aus.<\/p>\n<p>Die von den HerausgeberInnen im Vorwort erhobenen Anspr\u00fcche mittels dieses Bandes sich ver\u00e4ndernde Fragestellungen und Gegenstandsbez\u00fcge \u2013 nicht nur in der Europ\u00e4ischen Ethnologie \u2013 zu thematisieren, das Repertoire an Methodenliteratur zu erweitern sowie ein Toolkit f\u00fcr den Methodenunterricht zur Verf\u00fcgung zu stellen, kann als durchaus gelungen bewertet werden. Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, das den Bestand an noch immer eher d\u00fcnn ges\u00e4ter ethnologischer\/kultur- und\/oder sozialanthropologischer Methodenliteratur mit Sicherheit bereichert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Budka, P. 2014. Review of Hess, S., Moser, J. &amp; M. Schwertl (eds.). Europ\u00e4isch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. 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