{"id":323,"date":"2011-06-08T09:28:10","date_gmt":"2011-06-08T07:28:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.philbu.net\/blog\/?p=323"},"modified":"2013-11-19T12:14:18","modified_gmt":"2013-11-19T11:14:18","slug":"essay-tv-global","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/essay-tv-global\/","title":{"rendered":"Essay: TV Global"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>TV Global: Fernsehen als Medientechnologie im globalen S\u00fcden und aus medienanthropologischer Perspektive<\/strong><br \/>\n<strong>Von Philipp Budka<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieser Text erschien in gek\u00fcrzter Form im Schwerpunktheft &#8220;Fernsehen Global&#8221; des <a href=\"http:\/\/www.suedwind-magazin.at\/\">S\u00fcdwind Magazins<\/a> 7\/2011 unter dem Titel &#8220;<a href=\"http:\/\/www.suedwind-magazin.at\/start.asp?ID=245172&amp;rubrik=31&amp;ausg=201107\">Glokal gesehen<\/a>&#8220;.<\/p>\n<p>Trotz der rasant zunehmenden Bedeutung des Internets und seiner Applikation und Services, bleibt das Fernsehen das weltweit dominierende Massenmedium in Bezug auf Nachrichten und Unterhaltung (vgl. Straubhaar 2007). Wie bei anderen Kommunikationstechnologien und Medien auch, unterscheiden sich bei der Medientechnologie Fernsehen im nationalstaatlichen und regionalen Vergleich Technologieverbreitung und Infrastrukturvoraussetzungen, politische und \u00f6konomische Produktionsbedingungen, Formen und Praktiken der Rezeption sowie Programmformate und Inhalte. Dieser Beitrag wirft aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive einen Blick auf das Ph\u00e4nomen Fernsehen im globalen S\u00fcden. Anhand von kurzen Fallbeispielen soll einerseits die Vielfalt und Divergenz an Fernsehpraktiken im globalen und historischen Kontext beleuchtet werden. Andererseits zeigen diese ausgesuchten Beispiele auch die Gemeinsamkeiten, die sich aufgrund global technologischer Entwicklungen und transnationaler Trends feststellen lassen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Medientechnologie Fernsehen aus medienanthropologischer Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>Der in der Kultur- und Sozialanthropologie relativ junge Forschungsbereich der Medienanthropologie oder Anthropologie der Medien ist vor allem bestrebt \u00fcber kulturvergleichende Fragestellungen nach soziokulturellen Bedeutungsmustern von Fernsehpraktiken, wie Produktion und Rezeption, Aufschluss \u00fcber das Ph\u00e4nomen Fernsehen als globale Medientechnologie im lokalen Kontext zu gewinnen.<\/p>\n<p>Dabei ist ein wesentlicher Grund warum sich endlich auch die Kultur- und Sozialanthropologie \u201emodernen\u201c Medientechnologien als Forschungsfelder zuwendet, die Ignoranz vieler medienwissenschaftlicher Disziplinen gegen\u00fcber nicht-westlichen Medientechnologien und -nutzungsformen (vgl. z.B. Askew &amp; Wilk 2002, Drackl\u00e9 1999, Ginsburg et al. 2002). Mit Hilfe ethnographischer Methoden und Forschungsans\u00e4tze wird auf Seiten der Medienanthropologie versucht Antworten auf Fragen beispielsweise nach der Produktion von individuellen und kollektiven Identit\u00e4ten, der Konstruktion von Gemeinschaft oder der Verschiebung von Machtverh\u00e4ltnissen im Kontext von Medienprozessen zu finden. Dabei werden Menschen nicht mehr ausschlie\u00dflich als passive MedienkonsumentInnen verstanden, sondern vielmehr als aktive RezipientInnen, die in der Lage sind Medien und deren Botschaften mit unterschiedlichen Bedeutungen zu versehen (Drackl\u00e9 1999).<\/p>\n<p>Eine Anthropologie der Medien kann den Rahmen der klassischen Medienrezeptionsforschung durch zweierlei Aspekte erweitern: 1) durch die Ber\u00fccksichtigung von soziokulturellen Kontexten, die sowohl Medientechnologien produzieren als auch wiederum von diesen generiert werden sowie 2) durch das Einbeziehen der technologischen Dimension von Medien. Medienrezeption l\u00e4sst sich so als Konstellation von Prozessen verstehen, die direkte Reaktionen auf Medieninhalte ebenso beinhaltet wie das dekodieren von Medienbotschaften, das Verhalten oder die Einstellung der Menschen gegen\u00fcber Medientechnologien, das Verh\u00e4ltnis von Mediennutzern innerhalb sozialer Gruppen zueinander oder die \u00f6konomischen, kulturellen und materiellen Konditionen von Medienbesitz und -Nutzung. Um nun all diese Faktoren in eine Medienanalyse einbeziehen zu k\u00f6nnen, ist es notwendig sich ethnographischer Methoden und sozial- und kulturanthropologischer Konzepte zu bedienen (vgl. z.B. Ginsburg, Abu-Lughod, Larkin 2002, Wilk 2002).<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Fernsehen im nationalen Kontext <\/strong><\/p>\n<p>Fernsehen ist und war nie gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Erde, deren Nationalstaaten und Gesellschaften verteilt. W\u00e4hrend etwa die USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Deutschland und die damalige UDSSR bereits in den 1920er und 1930er Jahren erste Fernsehstationen vor allem in urbanen Zentren zu errichten begannen, dauerte es etwa f\u00fcr viele L\u00e4nder des s\u00fcdlichen Afrikas bis in die 1960er und 1970er ehe nationale Fernsehnetze etabliert werden konnten. Dies bedeutete dann aber nicht, dass pl\u00f6tzlich jeder ein Fernsehger\u00e4t zur Verf\u00fcgung hatte und Fernsehprogramme \u00fcberall empfangen und konsumiert werden konnten. Bis heute hat sich in der ungleichen Verteilung im Zugang zum Fernsehen kaum etwas ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Nationales, aber auch regionales und lokales, Fernsehen ist wichtig um Nachrichten und Neuigkeiten zu erhalten; es dient als kulturelles Referenzsystem und auch als allt\u00e4gliche Diskussionsgrundlage (vgl. Straubhaar 2007, Wilk 2002). Werfen wir zun\u00e4chst einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Medientechnologie Fernsehen in drei ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens: Indien, Brasilien und Nigeria. Dann einen etwas ausf\u00fchrlicheren auf den speziellen Fall des Fernsehen im post-kolonialen Kontext und aus medienanthropologischer Perspektive.<\/p>\n<p>In Indien begann das Fernsehen wie \u00fcberall: als zun\u00e4chst kleines rundfunktechnisches Experiment, das vorerst vor allem ausgew\u00e4hlten Stadtbewohnern vorbehalten war. So konnten in den sp\u00e4ten 1950er, den 1960er und auch noch in den 1970er Jahren nur Teile der indischen Bev\u00f6lkerung fernsehen. Erst 1982 wurde das Fernsehen als staatlich kontrolliertes Massenmedium, das den gesamten indischen Nationalstaat erreichte, etabliert. Inhaltlich basierten die ersten in dieser Zeit produzierten Fernsehserien auf traditionellen, hinduistisch-religi\u00f6sen Erz\u00e4hlungen bzw. Texten.<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren wurde der indische Fernsehmarkt dann f\u00fcr private Kabel- und Satellitenfernsehsender ge\u00f6ffnet. Unter diesen befinden sich nun sowohl globale US-amerikanische und asiatische Sender wie CNN und Star TV als auch lokale indische Fernsehkan\u00e4le wie Zee TV, die von mittlerweile mehr als 100 Millionen Haushalten konsumiert werden k\u00f6nnen. Besonders das Satellitenfernsehen scheint sich in Indien durchgesetzt zu haben. So k\u00f6nnen je nach Region und technischer Ausstattung mehr als 500 Satellitenfernsehkan\u00e4le empfangen werden (vgl. Wikipedia: Television in India 2011).<\/p>\n<p>Fernsehen in Brasilien wurde etwas fr\u00fcher als in Indien bereits Anfang der 1950er Jahre eingef\u00fchrt. Aber auch hier dauerte es fast 20 Jahre und die massive politische Unterst\u00fctzung der damaligen Milit\u00e4rregierung bis das Medium wirklich Fu\u00df fassen und von einer breiten Masse an Menschen genutzt werden konnte. Besonders der von der Regierung unterst\u00fctze nationale Sender TV Globo dominierte die brasilianische Fernsehlandschaft und begann vor allem in den 1970er Jahren Telenovelas als typisch brasilianische Sendeformate zu produzieren, die auch sehr erfolgreich weltweit exportiert wurden. Die brasilianische Regierung unternahm hier, wie viele andere nationalstaatliche Regierungen auch, mit Hilfe des Fernsehens den Versuch ein nationales Identit\u00e4tsgef\u00fchl zu konstruieren. Tats\u00e4chlich ist dieses Fernsehprodukt aber ein transnationales und hybrides Konstrukt brasilianischer und US-amerikanischer Popul\u00e4rkultur. Denn das Format der Telenovelas entwickelte sich urspr\u00fcnglich aus US-amerikanischen Werbesendungen, die darauf abzielten Produkte am lateinamerikanischen Markt zu verkaufen (vgl. Straubhaar 2007).<\/p>\n<p>Nachdem Mitte der 1980er Jahre die Milit\u00e4rregierung einer zivilen Regierung weichen musste, liberalisierte sich auch die Fernsehlandschaft und neue nationale und internationale Sender konnten sich in Brasilien etablieren. In den letzten Jahren zeichnete sich der brasilianische Fernsehmarkt vor allem durch Einbr\u00fcche bei den Zuseherzahlen aus. Dieser Umstand wird vor allem der steigenden Konkurrenz durch globales Kabel- und Satellitenfernsehen, DVDs und dem Internet zugeschrieben (vgl. Wikipedia: Television in Brazil 2011). Andererseits erweisen sich viele brasilianische Fernsehformate als Exportschlager, die sich vor allem in portugiesisch sprechenden L\u00e4nder gro\u00dfer Beliebtheit erfreuen.<\/p>\n<p>Ende der 1950er Jahre wurde in Nigeria begonnen Fernsehen als Medientechnologie einzuf\u00fchren. Auch hier war es vor allem der Staat, der Rundfunk und Fernsehen als nationalidentit\u00e4tsstiftende Massenmedien verstand und entsprechend kontrollierte und f\u00f6rderte. Auch heute noch ist die Fernsehlandschaft Nigerias einerseits gepr\u00e4gt durch die staatlich kontrollierte Sender NTA 1 und NTA 2, die sowohl regionales als auch nationales Programm anbieten. Andererseits versuchen private Anbieter und regionale Satellitenfernsehsender in den letzten Jahren verst\u00e4rkt am nigerianischen und regionalen Fernsehmarkt mit zu mischen. Diese Sender sind zwar in Nigeria angesiedelt, sind in ihrer Programm- und Sendegestaltung aber weniger national sondern vermehrt global auf andere afrikanische und auch karibische Staaten ausgerichtet. So kann auch im nigerianischen Fall ein zunehmender Export von Fernsehprogrammen und Formate festgestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Fernsehen im globalen S\u00fcden<\/strong><\/p>\n<p>Fernsehen im globalen S\u00fcden ist, auch wenn es als identit\u00e4tstiftendes Werkzeug verwendet wurde und auch weiterhin wird, eigentlich ein hybridisiertes Ph\u00e4nomen, das sowohl von globalen als auch von lokalen Prozessen sowie unterschiedlichen kulturellen Elementen beeinflusst und geformt wird. Dabei werden auch in Zeiten zunehmender und beschleunigter Globalisierung nationale, regionale und lokale Fernsehinhalte und Medienstrukturen nicht zwangsweise verdr\u00e4ngt oder zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Importierte Fernsehformate, die l\u00e4ngst nicht mehr alle nur aus den USA kommen, beeinflussen zwar lokale Formate und Inhalte, ver\u00e4ndern diese auch, aber sie konnten diese in den letzten Jahrzehnten nur in den seltensten F\u00e4llen verdr\u00e4ngen. Wie Studien belegen, sind es vor allem in der \u201ePrime Time\u201c lokale, linguistisch und kulturell an die jeweilige Gesellschaft angepasste Fernsehformate, die \u00fcberwiegen (vgl. Straubhaar 2007). Wie etwa das Beispiel MTV zeigt, werden globale Fernsehformate bei entsprechendem Bedarf an die lokalen Umst\u00e4nde, die Sprache und kulturellen Gegebenheiten angepasst, kurz sie werden lokalisiert.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr ein hybrides Fernsehformat, das erfolgreich den Spagat zwischen globaler Programmvorlage und lokalen Kontexten vollf\u00fchrt, l\u00e4sst sich die indische Fernsehsendung Adarsha Dampathigalu (Das ideale Paar) anf\u00fchren (McMillin 2003). Diese Spielshow, die zur \u201ePrime Time\u201c seit 1994 im regionalen Kabelfernsehsender Udaya TV ausgestrahlt wird, ist dem US-amerikanischen Format des Newlywed Game nachempfunden, in dem jungverheiratete Paare\u00a0 Fragen beantworten m\u00fcssen, um so zu zeigen wie gut sie sich kennen, oder eben nicht. Im indischen Regionalkontext sorgen beim Publikum \u2013 die Show ist immerhin eine der beliebtesten Sendungen in Bangalore, der drittgr\u00f6\u00dften Stadt Indiens \u2013 vor allem die verheirateten Frauen f\u00fcr Diskussionsstoff, da sich f\u00fcr sie in der Fernseh\u00f6ffentlichkeit die ungewohnte M\u00f6glichkeit bietet offen und kritisch \u00fcber ihre Ehe und Partner zu sprechen. Ein globalisiertes Fernsehformat tr\u00e4gt so zur \u00f6ffentlichen Diskussion lokaler und traditioneller Geschlechterrollen und -Verh\u00e4ltnisse bei.<\/p>\n<p>Etwas anders sieht es bei Nachrichtensendern und Nachrichtenformaten aus. Hier dominieren weltweit vor allem die US-amerikanischen und britischen Sender CNN und BBC, wobei auch regionale Nachrichtensender wie Al-Jazeera aus Quatar zunehmend an globaler Bedeutung gewinnen. Ebenso l\u00e4sst sich eine globale Dominanz US-amerikanischer Unterhaltungsformate wie Actionfilme und (Vorabend)Fernsehserien feststellen (vgl. Straubhaar 2007).<\/p>\n<p>Auf Ebene der Medienproduktion und -Distribution durch transnationale Medienkonzerne kann ebenfalls ein Trend zur Regionalisierung festgehalten werden. \u00c4hnlich wie bei Medienformaten und Inhalten dominieren viele unterschiedliche Unternehmen, die sich vor allem aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden lieber auf regionale und transregionale M\u00e4rkte\u00a0 konzentrieren als auf den Weltmarkt (vgl. Hafez 2005).<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz lassen sich auch globale Entwicklungen sowohl auf technologischer Ebene, etwa im Trend zu digitalen Fernsehen und Satellitenfernsehen, als auch auf inhaltlicher Ebene mit transnationalen Formaten, wie Spielshows oder manchen \u201eSoap Operas\u201c, feststellen. Absehbar ist ebenfalls, dass in den kommenden Jahren und mit entsprechend globaler Verbreitung der notwendigen Infrastruktur das Fernsehen als Medium mit dem Internet als Technologie verschmelzen wird und dann beispielsweise digitales Fernsehen \u201eon demand\u201c an Bedeutung auch in L\u00e4ndern des S\u00fcdens gewinnen wird.<\/p>\n<p><strong>Globales Fernsehen im post-kolonialen Kontext <\/strong><\/p>\n<p>Der Ethnologe Richard Wilk (2002) legt in seiner medienanthropologischen Untersuchung zu Fernsehen in Belize den analytischen Fokus einerseits auf die Art und Weise wie Menschen \u00fcber das Fernsehen diskutieren. Andererseits stellt sich Wilk die Frage wie globale\u00a0 Fernsehtechnologien und -Inhalte die menschliche Vorstellung und Wahrnehmung von Zeit ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>In Belize, das bis 1981 noch britische Kolonie war, wurde schon in den fr\u00fchen 1980er Jahren versucht Satellitenfernsehsignale, gesendet zumeist aus den USA, illegal abzufangen und auszustrahlen. Erste \u00f6ffentliche Debatten \u00fcber den Einfluss des ausl\u00e4ndischen Fernsehens auf die noch junge Nation waren die Folge. Ab den 1990er Jahren konnten dann schon weite Teile der Bev\u00f6lkerung mehrere Fernsehsender, darunter auch US-amerikanische Kan\u00e4le, via Kabel und Satellit empfangen.<\/p>\n<p>Das Fernsehen hatte auf die multi-ethnische Nation Belize laut Wilk zwei verbindende Auswirkungen. Erstens, auf der Ebene der Inhalte: die Einwohner Belizes konnten nun auf die gleichen Informationsquellen zugreifen und dar\u00fcber sprechen, auch wenn es sich dabei vorwiegend um US-amerikanische Nachrichten und Unterhaltungsprogramme handelte. Zweitens, das Fernsehen l\u00f6ste eine gemeinschaftliche Debatte \u00fcber die Auswirkungen des Mediums auf die Nation und das Verh\u00e4ltnis Belizes zur nun durch das globale Fernsehen besser bekannten Welt aus. Innerhalb dieser Debatte sind die Belizianer zwar unterschiedlicher Meinungen, sie sprechen aber \u00fcber Themen und Dinge, die sie fast alle gesehen und erfahren haben. Wilk (2002: 175) spricht deswegen von einer \u201egemeinsamen Sprache\u201c. So werden im Diskurs \u00fcber das Fernsehen etwa die Besonderheiten der belizianischen K\u00fcche, Musik oder Sprache im globalen Kontext debattiert.<\/p>\n<p>Globales Fernsehen, so argumentiert Wilk, ist ebenso in der Lage Teile der kolonialen ideologischen Macht- und Abh\u00e4ngigkeitsstrukturen aufzuweichen und zu zerst\u00f6ren. Er\u00a0 verwendet den Begriff der \u201ekolonialen Zeit\u201c, der ein System beschreibt, das Zeit mit scheinbar un\u00fcberbr\u00fcckbarer geographischer Distanz und kultureller Differenz verbindet (Wilk 2002: 177). In Kolonialzeiten wurde der Fluss der Zeit von den Vertretern der \u201emodernen\u201c Koloniall\u00e4nder bestimmt, die sich selbst als Repr\u00e4sentanten des \u201eFortschritts\u201c begriffen. Und obwohl die Menschen in den Kolonien st\u00e4ndig versuchten den modernen und fortschrittlichen \u201eMutterl\u00e4ndern\u201c etwa in Mode, Sprache und Sitten nachzueifern, konnten sie diese nie einholen. In diesem ungleichen Verh\u00e4ltnis zwischen \u201emodernen Koloniall\u00e4ndern\u201c und \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen Kolonien\u201c kam der lokalen Elite, die Kontakt zu den Metropolen der \u201emodernen Welt\u201c unterhielten eine entscheidende Funktion zu. Sie konnte, solange sie die \u201eR\u00fcckst\u00e4ndigkeit\u201c ihres Landes akzeptierte als Vertreter der Moderne auftreten.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des Satellitenfernsehens konnte pl\u00f6tzlich ein Gro\u00dfteil der Einwohner Belizes an Live-Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen, den Spielen der US-amerikanischen Basketballliga oder globalen Fernsehnachrichten teilnehmen. Und das Ganze zur gleichen Zeit wie die Menschen in den urbanen Zentren der \u201emodernen Welt\u201c. Damit wurde die Distanz zwischen Metropolen und Peripherie zumindest ein St\u00fcck weit aufgehoben. Au\u00dferdem verlor die Elite Belizes so an Bedeutung in ihrer Rolle als Trendsetter. So gut wie jeder konnte in \u201eSoap Operas\u201c, globalen Nachrichten und US-amerikanischen Werbungen sehen, wie reiche Menschen etwa in den USA gekleidet waren und sprachen.<\/p>\n<p>Die \u201eTV Zeit\u201c, wie Wilk (2002: 180) diesen zeitlichen Abschnitt nennt, zerst\u00f6rte also einen der \u201eSt\u00fctzpfeiler\u201c der kolonialen Weltordnung. Wobei die Kontrollmacht \u00fcber Produktion, Inhalte und Verbreitung auch in post-kolonialen Zeiten weiterhin in den urbanen Zentren einiger weniger Staaten und nicht in Belize City liegt. Zusammenfassend stellt Wilk fest, dass die TV Zeit einerseits erlaubt die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen und so etwa belizianisches Essen, das w\u00e4hrend der Kolonialzeit noch als altmodisch und primitiv galt als Ethnofood oder Nationalgericht neu zu definieren. Andererseits ist globales Satellitenfernsehen sicher kein Allheilmittel f\u00fcr ehemalige Koloniall\u00e4nder sondern muss kritisch als Medientechnologie hinterfragt werden.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Askew, Kelly. 2002. Introduction. In: Askew, Kelly, Wilk, Richard (Hrsg.): The anthropology of media. A reader. Malden, MA: Blackwell. S. 1-13.<\/p>\n<p>Drackl\u00e9, Dorle. 1999. Medienethnologie: Eine Option auf die Zukunft. In: Kokot, Waltraud, Drackl\u00e9, Dorle (Hrsg.): Wozu Ethnologie? Berlin: Dietrich Reimer Verlag. S. 261-290.<\/p>\n<p>Ginsburg, Fay, Abu-Lughod, Lila, Larkin, Brian. 2002. Introduction. In: Ginsburg, Fay, Abu-Lughod, Lila, Larkin, Brian (Hrsg.): Media worlds. Anthropology on new terrain. Berkeley: University of California Press. S. 1-36.<\/p>\n<p>Hafez, Kai. 2005. Mythos Globalisierung. Warum die Medien nicht grenzenlos sind. Wiesbaden: Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>McMillin, Divya C. 2003. Marriages are made on television. Globalization and national identity in India. In: Parks, Lisa, Kumar, Shanti (Hrsg.): Planet TV. A global television reader. New York: New York University Press. S. 341-359.<\/p>\n<p>Straubhaar, Joseph D. 2007. World television: From global to local. Los Angeles: Sage Publications.<\/p>\n<p>Wilk, Richard. 2002. Television, time, and national imaginary in Belize. In Ginsburg, Fay, Abu-Lughod, Lila, Larkin, Brian (Hrsg.): Media worlds. Anthropology on new terrain. Berkeley: University of California Press. S. 171-186.<\/p>\n<p>Wikipedia. 2011. Television in Brazil. Online: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Television_in_Brazil\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Television_in_Brazil<\/a><\/p>\n<p>Wikipedia. 2011. Television in India. Online: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Television_in_India\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Television_in_India<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TV Global: Fernsehen als Medientechnologie im globalen S\u00fcden und aus medienanthropologischer Perspektive Von Philipp Budka Dieser Text erschien in gek\u00fcrzter Form im Schwerpunktheft &#8220;Fernsehen Global&#8221; des S\u00fcdwind Magazins 7\/2011 unter dem Titel &#8220;Glokal gesehen&#8220;. 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