{"id":1507,"date":"2020-06-05T17:06:14","date_gmt":"2020-06-05T15:06:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.philbu.net\/blog\/?p=1507"},"modified":"2020-06-05T17:18:50","modified_gmt":"2020-06-05T15:18:50","slug":"blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2\/","title":{"rendered":"Blog Post Series: Von der Cyberanthropologie zur Digitalen Anthropologie \u2013 Teil 4"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\">Diese Serie von Blogeintr\u00e4gen beschreibt die <strong>Relevanz kultur- und sozialanthropologischer Zug\u00e4nge in der Untersuchung digitaler Technik und Technologien<\/strong>, dargestellt anhand wissenschaftstheoretischer Aspekte in der <strong>Entwicklung der Forschungsfelder der \u201cCyberanthropologie\u201d und der \u201cDigitalen Anthropologie\u201d<\/strong>. Kommentare und\/oder Anmerkungen sind dezidiert erw\u00fcnscht.<br>Die einzelnen Blogeintr\u00e4ge bauen, leicht ver\u00e4ndert, auf einen Text, der 2019 im Sammelband <em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/sozial-rechts-und-wirtschaftswissenschaften\/sozialwissenschaft\/27205\/ritualisierung-mediatisierung-performance?c=1780\" target=\"_blank\">Ritualisierung \u2013 Meditatisierung \u2013 Performance<\/a><\/em> publiziert wurde:<br>Budka, P. (2019). Von der Cyber Anthropologie zur Digitalen Anthropologie. \u00dcber die Rolle der Kultur- und Sozialanthropologie im Verstehen soziotechnischer Lebenswelten. In M. Luger, F. Graf &amp; P. Budka (Eds.), Ritualisierung \u2013 Mediatisierung \u2013 Performance (pp. 163-188). G\u00f6ttingen: V&amp;R Unipress\/Vienna University Press. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.14220\/9783737005142.163\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.14220\/9783737005142.163<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Cyberanthropologie 2\/2<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Im deutschen Sprachraum war Manfred Kremser einer der ersten Kultur- und Sozialanthropologen, der sich ausf\u00fchrlich mit neuen digitalen Technologien und deren Bedeutung f\u00fcr Mensch, Gesellschaft und Kultur auseinander setzte.<\/strong><span id='easy-footnote-1-1507' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2\/#easy-footnote-bottom-1-1507' title='Siehe &lt;a rel=&quot;noreferrer noopener&quot; href=&quot;https:\/\/www.philbu.net\/budka_kremser_cyberanthro.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Budka und Kremser (2004)&lt;\/a&gt; f\u00fcr einen \u00dcberblick zu weiteren fr\u00fchen cyberanthropologischen Projekten in Wien.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Ab 1996 bot er Lehrveranstaltungen zu ausgew\u00e4hlten cyberanthropologischen Themen am Institut f\u00fcr Kultur- und Sozialanthropologie (vormals V\u00f6lkerkunde) der Universit\u00e4t Wien an. <strong>Dabei verstand er es geschickt, das neue Forschungsfeld der Cyberanthropologie mit Frage- und Problemstellungen zu verbinden, mit denen er sich bereits zuvor intensiv auseinander gesetzt hatte, besonders im Bereich der afrikanischen und afro-karibischen Religionen.<\/strong> So untersuchte Kremser beispielsweise, wie der soziokulturelle Raum des Cyberspace &#8220;Afrikanische Traditionelle Religionen&#8221; und &#8220;Afrikanische Diaspora Religionen&#8221; um eine zus\u00e4tzliche Dimension, die Kremser (2003: 447) als &#8220;Afrikanische Digitale Diaspora Religionen&#8221; bezeichnet, erweitert.<span id='easy-footnote-2-1507' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2\/#easy-footnote-bottom-2-1507' title='Andere deutschsprachige Kultur- und SozialanthropologInnen, die sich ebenfalls relativ fr\u00fch mit cyberanthropologischen Themen befassten, untersuchten etwa den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Cyberspace (Schwara 1999), die Bedeutung des Cyberspace als ethnographisches Forschungsfeld (Ackermann 2000), wie sich Konflikt im Cyberspace gestaltet (&lt;a rel=&quot;noreferrer noopener&quot; href=&quot;https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-89942-287-0\/cyberidentities-at-war\/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Br\u00e4uchler 2005&lt;\/a&gt;; die englische Buchversion wurde von &lt;a href=&quot;https:\/\/www.philbu.net\/blog\/review-cyberidentities-at-war-the-moluccan-conflict-on-the-internet\/&quot;&gt;Budka rezensiert&lt;\/a&gt;) oder wie ethnische Identit\u00e4t im Internet konstruiert und verhandelt wird (Zurawski 2000).'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> Historisch betrachtet, wurden afrikanische Religionen und deren Traditionen in der Diaspora laufend transformiert. Die &#8220;Afrikanische Digitale Diaspora&#8221; transformiert nun wiederum das bereits Transformierte auf neue Art und Weise (Kremser 2001a: 111). Diese &#8220;Cyber-Transformationen&#8221; implizieren einen fundamentalen Wandel von traditionellen und diasporischen Religionen (Kremser 2003: 448). Indigene religi\u00f6se Konzepte und Praktiken verlassen ihr lokales Territorium und werden durch global vernetzte digitale Technologien f\u00fcr viele Menschen weltweit verf\u00fcgbar. Im Zuge dieses Globalisierungsprozesses werden afrikanische Kosmologien und Ritualsysteme in neue Formen von &#8220;Kultur&#8221; transformiert, an der ein Publikum global teilhaben kann (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"260\" src=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Odi_Meji.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1511\" srcset=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Odi_Meji.jpg 240w, https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Odi_Meji-133x144.jpg 133w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><figcaption><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Odi_Meji.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Odi Meji (Odu Ifa Zeichen)<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In seiner Forschung arbeitete Kremser (z.B. 2001a, 2001b, 2003) die Besonderheiten dieser Transformationsprozesse heraus. <strong>Die Genese digitaler afrikanischer Diaspora-Religionen erm\u00f6glicht es beispielsweise, die \u00c4hnlichkeiten zwischen afrikanischer Spiritualit\u00e4t und grundlegenden Prinzipien des Cyberspace zu erkennen.<\/strong> So spielen etwa bin\u00e4re Codesysteme sowohl in der Computertechnik als auch bei If\u00e1-Orakel in der Religion der Yoruba (vor allem im westlichen Nigeria) eine entscheidende Rolle (Kremser 2001b; siehe auch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.rutgersuniversitypress.org\/african-fractals\/9780813526140\" target=\"_blank\">Eglash 1999<\/a>: 86ff.; Eglash\/Bleecker 2001: 357ff.). Digitale afrikanische Religionen bilden neue Kontexte f\u00fcr etablierte Konzepte und Praktiken und erm\u00f6glichen so deren Neuinterpretation und das Erleben neuer religi\u00f6ser Dimensionen. Viele religi\u00f6se PraktikerInnen sind, nach Kremser (1998: 141ff.), nun in unterschiedlichen sozialen Feldern engagiert: etwa als PriesterInnen in lokalen Gemeinschaften, als LehrerInnen und spirituelle F\u00fchrerInnen bei internationalen Workshops und Diaspora-Treffen sowie als ComputerspezialistInnen und religi\u00f6se UnternehmerInnen in globalen Online-Gemeinschaften der digitalen Diaspora. <strong>Um diese Felder auf methodischer Ebene zu ber\u00fccksichtigen, schl\u00e4gt Kremser (ebd.: 135ff.) vor, das &#8220;klassische&#8221; Konzept ethnographischer Feldforschung zur &#8220;Felder-Forschung&#8221; zu erweitern<\/strong>, in der sich EthnographInnen mit unterschiedlichen soziokulturellen Feldern befassen, die sich auch in den digitalen Raum erstrecken, sich \u00fcberlappen und erg\u00e4nzen (siehe auch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/paperback\/9780691002538\/ethnography-through-thick-and-thin\" target=\"_blank\">Marcus 1998<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kremser (1999) betont also die Parallelen zwischen dem neuen Ph\u00e4nomen der Cyberkultur und spirituellen Ordnungen pr\u00e4-digitaler Welten, die zentrales Thema seiner Religions- und Bewusstseinsforschung sind. So ist das grundlegende Prinzip beider Ph\u00e4nomenbereiche die kommunikative Verbindung von menschlichen Individuen mit (virtuellen) Instanzen und Entit\u00e4ten des Wissens. <strong>Der Cyberspace bedeutet f\u00fcr Kremser (ebd.: 284f.) die Vision einer neuen Gesellschaft, in der alles mit allem verbunden ist.<\/strong> Er st\u00fctzt sich hier auf den Medienphilosophen Pierre L\u00e9vy (1997) und seine Ausf\u00fchrungen zu &#8220;anthropologischen R\u00e4umen&#8221;, wie den &#8220;Raum des Wissens&#8221;, der noch in der Entstehung begriffen ist und eng mit der weltweiten Verbreitung digitaler Technologien zusammenh\u00e4ngt (vgl. Kremser 1999: 277ff.).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Anschluss an Kremser befassten sich weitere Wiener Kultur- und SozialanthropologInnen mit neuen, digitalen Technologien und dem Ph\u00e4nomen Cyberspace aus unterschiedlichen Perspektiven:<\/strong> von Untersuchungen zu digitalkulturellen und technosozialen Transformationsprozessen (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/alumni.ksa\/assa\/ausgaben\/assa-journale\/journal-2007\/cyberanthropologie\/\" target=\"_blank\">Luger 2007<\/a>) \u00fcber Verbindungen zwischen religi\u00f6sen Bewegungen, Philosophien und dem globalisierten Cyberspace (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/alumni.ksa\/assa\/ausgaben\/assa-ksa-tage\/ksa-tage-2007\/workshop-medien-und-film\/anancys-web\/\" target=\"_blank\">Brezansky 2007<\/a>) zu kultureller Repr\u00e4sentation und politischem Aktivismus unterschiedlicher Gruppen im Internet (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.philbu.net\/budka_ezln_internet_JEP.pdf\" target=\"_blank\">Budka 2004<\/a>). In einem Projekt am Institut f\u00fcr Sozialanthropologie der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften untersuchte Martin Slama beispielsweise islamische Religiosit\u00e4t und religi\u00f6se Praktiken im indonesischen Kontext und im Zusammenhang mit Social Media wie Facebook (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/digital-indonesia\/social-media-and-islamic-practice-indonesian-ways-of-being-digitally-pious\/42A17F6B70C8808FC9616073C1FFE483\" target=\"_blank\">Slama 2017<\/a>). Auch wenn in neueren Forschungsprojekten antiquiert scheinende Begriffe wie &#8220;Cyberkultur&#8221; oder &#8220;Cyberspace&#8221; zumeist fehlen und Begrifflichkeiten, die &#8220;das Digitale&#8221; oder &#8220;Digitalit\u00e4t&#8221; betonen, in den Vordergrund r\u00fccken (wie in den folgenden Blogeintr\u00e4gen abgehandelt), ist das anthropologische Interesse an mittlerweile ubiquit\u00e4ren digitalen Technologien und damit zusammenh\u00e4ngenden Ph\u00e4nomenen ungebrochen.<span id='easy-footnote-3-1507' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2\/#easy-footnote-bottom-3-1507' title='W\u00e4hrend Begriffe wie &amp;#8220;Cyberspace&amp;#8221; oder &amp;#8220;Cyberkultur&amp;#8221; gro\u00dfteils aus dem akademischen und \u00f6ffentlichen Sprachgebrauch verschwunden sind, wird das Suffix &amp;#8220;Cyber&amp;#8221; in manchen F\u00e4llen noch gerne verwendet, beispielsweise in &amp;#8220;Cybersicherheit&amp;#8221;, &amp;#8220;Cyberkrieg&amp;#8221; etc.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Verdienst von Vorreitern wie Escobar und Kremser bleibt es, dass sie schon fr\u00fch den Versuch unternahmen, potenzielle Forschungsprojekte und -felder zu identifizieren, zu erarbeiten und zur Diskussion zu stellen.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Serie von Blogeintr\u00e4gen beschreibt die Relevanz kultur- und sozialanthropologischer Zug\u00e4nge in der Untersuchung digitaler Technik und Technologien, dargestellt anhand wissenschaftstheoretischer Aspekte in der Entwicklung der Forschungsfelder der \u201cCyberanthropologie\u201d und der \u201cDigitalen Anthropologie\u201d. Kommentare und\/oder Anmerkungen sind dezidiert erw\u00fcnscht.Die einzelnen Blogeintr\u00e4ge bauen, leicht ver\u00e4ndert, auf einen Text, der 2019 im Sammelband Ritualisierung \u2013 Meditatisierung \u2013&#8230; <a href=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-4-2\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Blog Post Series: Von der Cyberanthropologie zur Digitalen Anthropologie \u2013 Teil 4<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[252,81,54,99,7,29,26,106],"tags":[253,20,186,157,19,21],"class_list":["post-1507","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anthropology-of-technology","category-computer","category-cyberanthropology","category-digital-anthropology","category-internet","category-anthropology","category-technology","category-www-icts","tag-anthropology-of-technology","tag-cyberanthropology","tag-digital-anthropology","tag-internet","tag-sociocultural-anthropology","tag-www"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1507"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1517,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507\/revisions\/1517"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}