{"id":1449,"date":"2020-04-21T15:59:50","date_gmt":"2020-04-21T13:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.philbu.net\/blog\/?p=1449"},"modified":"2020-04-29T18:53:19","modified_gmt":"2020-04-29T16:53:19","slug":"blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-2-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-2-2\/","title":{"rendered":"Blog Post Series: Von der Cyberanthropologie zur Digitalen Anthropologie \u2013 Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\">Diese Serie von Blogeintr\u00e4gen beschreibt die <strong>Relevanz kultur- und sozialanthropologischer Zug\u00e4nge in der Untersuchung digitaler Technik und Technologien<\/strong>, dargestellt anhand wissenschaftstheoretischer Aspekte in der <strong>Entwicklung der Forschungsfelder der \u201cCyberanthropologie\u201d und der \u201cDigitalen Anthropologie\u201d<\/strong>. Kommentare und\/oder Anmerkungen sind dezidiert erw\u00fcnscht.<br>Die einzelnen Blogeintr\u00e4ge bauen, leicht ver\u00e4ndert, auf einen Text, der 2019 im Sammelband <em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/sozial-rechts-und-wirtschaftswissenschaften\/sozialwissenschaft\/27205\/ritualisierung-mediatisierung-performance?c=1780\" target=\"_blank\">Ritualisierung \u2013 Meditatisierung \u2013 Performance<\/a><\/em> publiziert wurde:<br>Budka, P. (2019). Von der Cyber Anthropologie zur Digitalen Anthropologie. \u00dcber die Rolle der Kultur- und Sozialanthropologie im Verstehen soziotechnischer Lebenswelten. In M. Luger, F. Graf &amp; P. Budka (Eds.), Ritualisierung \u2013 Mediatisierung \u2013 Performance (pp. 163-188). G\u00f6ttingen: V&amp;R Unipress\/Vienna University Press. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.14220\/9783737005142.163\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.14220\/9783737005142.163<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anthropologische Perspektiven auf Technik und Technologie 2\/2<\/h2>\n\n\n\n<p>Aufbauend auf Mauss (1989) versteht Sigaut (1997) Technologie als Wissenschaft und dar\u00fcber hinaus als einen Zweig der Anthropologie, da technische Fakten letztlich Fakten menschlicher Aktivit\u00e4t sind. Technologie steht dabei zu Technik wie Wissenschaft zu den von ihr erforschten Objekten. Um nun eine &#8220;echte wissenschaftliche Technologie&#8221; zu entwickeln \u2013 Sigaut (1997: 422) spricht von &#8220;truly scientific technology&#8221; \u2013 ist es notwendig, ein Forschungsobjekt durch Beobachtung und Beschreibung zu konstruieren, ein Prozess, den er &#8220;Technographie&#8221; nennt (ebd.: 423).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"533\" src=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/luiza-braun-GO_bj1_1m0g-unsplash.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1454\" srcset=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/luiza-braun-GO_bj1_1m0g-unsplash.jpg 400w, https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/luiza-braun-GO_bj1_1m0g-unsplash-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/luiza-braun-GO_bj1_1m0g-unsplash-108x144.jpg 108w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption><a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/GO_bj1_1m0g\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Photo by Luiza Braun on Unsplash<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Technik, im Sinne von Mauss, meint wiederum jedes Set an Bewegungen oder Handlungen, das kombiniert wird, um ein bekanntes physisches, chemisches oder organisches Ziel zu erreichen (ebd.).<\/strong><span id='easy-footnote-1-1449' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-2-2\/#easy-footnote-bottom-1-1449' title='Mauss (1989: 205f.) beschreibt Technik als &amp;#8220;eine traditionelle, wirksame Handlung&amp;#8221;, deren Weitergabe und \u00dcberlieferung ma\u00dfgeblich zur Unterscheidung zwischen Mensch und Tier beitr\u00e4gt und deren &amp;#8220;nat\u00fcrlichstes Instrument&amp;#8221; der menschliche K\u00f6rper ist. Dementsprechend spricht Mauss (ebd.: 206) auch von &amp;#8220;Techniken des K\u00f6rpers&amp;#8221;. Zu dem Verh\u00e4ltnis von Kultur und Technik sowie dem Begriff &amp;#8220;Kulturtechnik&amp;#8221; siehe beispielsweise Kr\u00e4mer und Bredekamp (2003). F\u00fcr eine Diskussion von Medien und Kulturtechniken aus einer anthropologischen Perspektive siehe Sch\u00fcttpelz (2006). Zu weiteren Definitionen und dem Verh\u00e4ltnis von Technik und Technologie sowie damit zusammenh\u00e4ngenden wissenschaftshistorischen Entwicklungen siehe etwa Ingold (2000) und Pacey (1992).'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Dabei ben\u00f6tigt Technik Wissen und Fertigkeiten. Wissen \u00fcber technische Dinge bedeutet wiederum nicht, diese auch bedienen zu k\u00f6nnen. Dazu sind bestimmte Fertigkeiten \u2013 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.4324\/9780203466025\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ingold (2000: 289ff.)<\/a> spricht von &#8220;skills&#8221; \u2013 notwendig. Um nun Wissen in Fertigkeiten zu transformieren, bedarf es eines Lernprozesses \u00fcber unterschiedlich lange Zeitr\u00e4ume. F\u00fcr Sigaut (1997: 445) k\u00f6nnen diese Fertigkeiten grunds\u00e4tzlich nicht getrennt von permanenter und sich best\u00e4ndig erneuernder (sozialer) Handlungspraxis existieren. <strong>Technische Fertigkeiten lassen sich so als sozial produziert und dar\u00fcber hinaus als eng mit materiellen G\u00fctern verbunden verstehen.<\/strong> Die Anthropologie blickt nun genau auf diese soziotechnischen Beziehungen, die nach Sigaut die interessantesten Antworten auf technische und technologische Ph\u00e4nomene und Probleme in unseren Gesellschaften versprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>So wird in der Anthropologie etwa das <strong>Konzept des soziotechnischen Systems<\/strong> verwendet, um die genannten Ph\u00e4nomene gemeinsam und in ihrem Zusammenhang zu untersuchen. Dabei wird, wie bereits dargelegt, ein deterministisches Technologieverst\u00e4ndnis \u2013 die Vorstellung, dass Technologie eine alles dominierende Kraft und entsprechende Handlungsautonomie besitzt \u2013 ebenso abgelehnt wie die Sichtweise, dass Technologie &#8220;neutral&#8221; ist und es keinerlei Verbindung zwischen Technik, Technologie, Gesellschaft und Kultur g\u00e4be. <strong>Ein soziotechnisches System l\u00e4sst sich als ein Komplex unterschiedlicher, miteinander verbundener Elemente verstehen: soziale Strukturen, Koordination und Organisation von Arbeit, soziale Beziehungen und Kommunikation zwischen AkteurInnen sowie Produktion und Verwendung von Artefakten.<\/strong> Dieses Gef\u00fcge von soziotechnisch relevanten Ph\u00e4nomenen ist dabei gleichzeitig adaptiv \u2013 das hei\u00dft anpassungs- und lernf\u00e4hig \u2013 sowie expressiv \u2013 also ausdrucksf\u00e4hig (Pfaffenberger 1992: 513).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Technologie<\/strong> wird in der Anthropologie (z. B. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.4135\/9781848607972.n22\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Eglash 2006<\/a>) und in anderen Sozialwissenschaften (z. B. Vannini 2009) aber auch <strong>als materielle Kultur<\/strong> verstanden. Materielle Kultur l\u00e4sst sich nach Daniel Miller (1997: 399) als die materielle Form jenes kulturellen Prozesses verstehen, durch den sich menschliche Gruppen konstruieren und sozialisieren. So erlaubt dieser Zugang, die Materialit\u00e4t und die Normativit\u00e4t von Technologien anhand ihrer Inkorporation in den soziokulturellen Alltag zu fassen. Wie sich in der anthropologischen und ethnographischen Forschungspraxis zeigt, ist die Materialit\u00e4t von Technologie mit ph\u00e4nomenologischen Erfahrungen verkn\u00fcpft, \u00fcber die soziale Verbindungen und (neue) Beziehungen zu Zeit und Raum sowie zu K\u00f6rper und Wahrnehmung hergestellt werden (z.B. Ginsburg\/Abu-Lughod\/Larkin 2002). <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Materielle Kultur steht dar\u00fcber hinaus in engem Zusammenhang mit dem &#8220;sozialen Leben der Dinge&#8221; (Appadurai 1986: 13ff.), ihrem Austausch, ihrer Wertzuschreibung, Konsumption und Aneignung.<\/strong> So ist der erste Schritt in einem Prozess der Konsumption die Transformation eines Objekts von einer unpers\u00f6nlichen Ware zu einer Sache mit bestimmter (pers\u00f6nlicher) Bedeutung f\u00fcr KonsumentInnen und deren soziale Lebenswelten (Miller 1987). Der Prozess der Aneignung wiederum beinhaltet unterschiedliche Dimensionen (Beck 2001). Aneignung bedeutet zun\u00e4chst das (unver\u00e4nderte) \u00dcbernehmen von Dingen oder Objekten. Andererseits werden diese Dinge zumeist in ihrer Aneignung neu interpretiert, umgedeutet, transformiert und so etwa auch mit neuer (symbolischer) Bedeutung versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies geschieht immer in einem spezifischen soziokulturellen Kontext. Die grundlegende Dimension im Aneignungsprozess ist, dass ein Ding, das im Besitz von jemandem war, von jemand anderem neu in Besitz genommen wird. <strong>Aneignung ist so auch eine Form der sozialen Interaktion zwischen Menschen, die diesen nicht explizit bewusst sein muss und bei der Machtverh\u00e4ltnisse und soziale Ordnung eine wichtige Rolle spielen.<\/strong> Eine Fokussierung auf (soziokulturelle) Aneignung erlaubt es also die Handlungsmacht von AkteurInnen, etwa als TechnologienutzerInnen, hervorzuheben (z.B. Hahn 2015).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Anthropologie befasst sich heute zunehmend mit soziotechnischen Ph\u00e4nomenen in zeitgen\u00f6ssischen Gesellschaften \u2013 nicht zuletzt deshalb, weil immer wieder Fragen auftauchen, die vor allem von dieser Disziplin beantwortet werden k\u00f6nnen, etwa nach der sozialen und kulturellen sowie der soziokulturell unterschiedlichen Bedeutung von Technologien und Technik oder den Machtverh\u00e4ltnissen in Prozessen der Konsumption und Aneignung.<\/strong> Gleichzeitig f\u00fchren die Entwicklung und der Aufschwung digitaler (Medien-)Technologien zu einer weiteren Differenzierung dieses Forschungsbereichs und zur Etablierung neuer Forschungsfelder. In diesen kommen einige der oben angef\u00fchrten Konzepte und Sichtweisen zur Anwendung, um neu entstehende soziotechnische Prozesse und Praktiken besser verstehen zu k\u00f6nnen, wie in den folgenden Blogeintr\u00e4gen dargelegt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Serie von Blogeintr\u00e4gen beschreibt die Relevanz kultur- und sozialanthropologischer Zug\u00e4nge in der Untersuchung digitaler Technik und Technologien, dargestellt anhand wissenschaftstheoretischer Aspekte in der Entwicklung der Forschungsfelder der \u201cCyberanthropologie\u201d und der \u201cDigitalen Anthropologie\u201d. Kommentare und\/oder Anmerkungen sind dezidiert erw\u00fcnscht.Die einzelnen Blogeintr\u00e4ge bauen, leicht ver\u00e4ndert, auf einen Text, der 2019 im Sammelband Ritualisierung \u2013 Meditatisierung \u2013&#8230; <a href=\"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/blog-post-series-von-der-cyberanthropologie-zur-digitalen-anthropologie-teil-2-2\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Blog Post Series: Von der Cyberanthropologie zur Digitalen Anthropologie \u2013 Teil 2<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[252,54,99,134,29,26],"tags":[253,20,186,194,19],"class_list":["post-1449","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anthropology-of-technology","category-cyberanthropology","category-digital-anthropology","category-material-culture","category-anthropology","category-technology","tag-anthropology-of-technology","tag-cyberanthropology","tag-digital-anthropology","tag-material-culture","tag-sociocultural-anthropology"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1449","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1449"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1449\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1463,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1449\/revisions\/1463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.philbu.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}