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Review: Handbuch der Medienethnographie

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Budka, P. 2017. Review of Bender, C. & M. Zillinger (eds.). Handbuch der Medienethnographie. Berlin: Reimer Verlag, 2015. 442 pp. Paideuma, 63: in print.

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Der Sammelband „Handbuch der Medienethnographie“ bietet einen Einblick in ein aufstrebendes und im deutschen Sprachraum noch zu wenig beachtetes Forschungsfeld. Ethnographie wird in diesem Buch vor allem als Methode in der qualitativen Medienforschung verstanden und die Autorinnen und Autoren, allesamt erfahren in der ethnographischen Feldforschung, wurden von der Herausgeberin Cora Bender und dem Herausgeber Martin Zillinger aufgefordert individuell zu reflektieren, „wie sie selbst im Feld vorgegangen sind, um Medien und Medienpraktiken zu erforschen“ (xi). Diese Reflexion über die eigene Forschungspraxis ist laut Bender und Zillinger charakteristisch für die Ethnologie als „ethnographische Königsdisziplin“ (xii). Mittels dichter Beschreibungen aus unterschiedlichen ethnographischen Forschungsfeldern will der Band mit seinen Beiträgen auch die Verbindung zwischen Empirie und Theorie in der Ethnologie in den Blick nehmen. Schwerpunkte bleiben dabei die subjektiven Erfahrungen der Feldforscherinnen und Feldforscher als Fremde, die unter spezifischen Bedingungen in bestimmten Lokalitäten in Austausch mit Menschen treten, um die entsprechenden Interaktionsprozesse schließlich zu interpretieren.


In der Einleitung bieten Bender und Zillinger („Medienethnographie: Praxis und Methode“, xii-lii) einen Überblick zur Medienethnographie als Praxis und Methode, in dem sie die Bedeutung der Ethnographie und der teilnehmenden Beobachtung für die Medienforschung ebenso kompakt diskutieren wie die Geschichte der Medienethnologie sowie das Verhältnis ethnologischer und ethnographischer Medienforschung zu Phänomenen und Prozessen der massenmedialen Kommunikation, Transkulturalität, Globalisierung und Öffentlichkeit. Dabei gehen sie von der Grundannahme aus, dass die Analyse menschlicher Gesellschaften und Kultur immer auch das Untersuchen von Medien und Medialisierungen inkludiert „mit denen Kultur eingerichtet und gestaltet wird“ (xvii). Diese Prämisse resultiert in einer Fokussierung auf die Verbindung und den Zusammenhang zwischen Medien, Techniken und Kultur sowie einem weiten und offenen Medienbegriff. Ein solcher Medienbegriff erlaubt es im Rahmen medienethnographischer Untersuchungen „Theoriendiskussionen und -traditionen zu überprüfen“ (xxvi), die oft auf etablierten Medienbegriffen und -konzepten bauen, gegenwärtig jedoch vermehrt an ihre Erklärungsgrenzen stoßen. Mit einem weiter gefassten und offeneren Medienbegriff lässt sich, meiner Ansicht nach, außerdem eine Hierarchisierung von Medien und Medienpraktiken, vor allem im kulturellen Vergleich und in Verbindung mit Modernisierungsvorstellungen und -narrativen, leichter vermeiden. Ein (zu) weit gefaßter Medienbegriff kann allerdings auch zu Unschärfen führen beziehungsweise den Eindruck der Beliebigkeit erwecken – ein Vorwurf, dem sich Ethnologinnen und Ethnologen vor allem hinsichtlich ihrer Methodik und Methodologie immer wieder ausgesetzt sehen. Neben der Öffnung des Medienbegriffes durch medienethnographische Forschung, betonen die Autorin und der Autor auch die Bedeutung orts- und situationsbezogener Medienforschung in der Medienethnographie, die soziokulturelle Kontexte und alltägliche (Medien)Praktiken in den Mittelpunkt rückt.

Gegen Ende ihres einleitendes Textes identifizieren und diskutieren Bender und Zillinger vier Felder, die ihrer Ansicht nach zukünftig verstärkt in der methodologischen Debatte zu Medien und Medienpraktiken berücksichtigt werden sollten: (1) Kollisionen und Kollaborationen zwischen Feldforscher und Forschungspartner in der medienethnographischen Forschung, die zur Weiterentwicklung eigener Einsichten beitragen; (2) Mediation und Vermittlung (von Kultur), die die Reorganisation von Territorialität, Nähe und Anwesenheit durch Medien beinhaltet; (3) Erforschung neuer medialer Räume, die Menschen, Zeichen und Objekte in Austausch bringen; (4) Erweiterung des Forschungsfokus auf alle sinnlichen Wahrnehmungen im Sinne einer Medienanthropologie der Sinne. Bender und Zillinger beschließen ihre Einleitung mit dem Hinweis, daß die Untersuchung der Medienkulturen der „Anderen“ mittels ethnographischer Feldforschung einen Erkenntnisprozess beinhaltet, der als Forschungsprozess von der Forscherin oder dem Forscher reflektiert wird und durch die Anwesenheit im Alltagsleben der Forschungspartnerinnen und Forschungspartner geprägt ist. Diese „situative Präsenz“, die eine ethnographische Forschungsstrategie voraussetzt, „mit der beständigen Zirkulation von Menschen, Bildern und Dingen im Zeitalter der Globalisierung zusammen zu bringen“ ist die Absicht dieses Bandes (xliv).

Insgesamt 22 Autorinnen und Autoren geben in 23 Beiträgen, unterteilt in sechs Abschnitten, Einblick in ihre medienethnographische Forschungspraxis und -erfahrung. Dabei wird ein weites Feld an Themen und Regionen abgedeckt: von Bestattungsvideos in Ghana über mediale Räume in der marokkanischen Diaspora bis hin zu indigenen Medien im Mittleren Westen der USA. Die der Einleitung folgenden vier Beträge fokussieren besonders auf die Anwesenheit und die Rolle der ethnographischen Forscherin beziehungsweise des ethnographischen Forschers im Feld und werden im Abschnitt „Medienethnographie“ zusammengefasst. Der zweite Abschnitt „Medientechniken“ beinhaltet fünf Beiträge, die sich alle mit Medien als Technik befassen und diese Sichtweise anhand afrikanischer Fallstudien untersuchen. Im dritten Abschnitt „Medienzirkulation“ werden in drei Aufsätzen Formen und Besonderheiten von Medienzirkulationen diskutiert. Unterschiedliche Medienakteure und deren Handlungsweisen stehen im Zentrum der vier Beiträge des vierten Abschnittes „Medienakteure“. Buchabschnitt fünf „Neue Medienfelder“ beinhaltet zwei Texte, die eng an Wissenschafts- und Technikforschung angelehnt sind. Der sechste Abschnitt „Medienformate“ umfaßt schließlich vier Beiträge, die sich mit medienethnographischen Handwerkszeug sowie unterschiedlichen Medienformaten auseinandersetzen. Eine einheitliche Textgliederung der einzelnen Beiträge, die (1) den Weg der Forscherin oder des Forschers ins Feld, (2) medienethnographische Grundgedanken, (3) Felderfahrungen und Forschungssituationen, (4) Reflexionen über methodische Neujustierung in der Feldforschung sowie schließlich (5) ein Fazit beinhaltet, erleichtert sowohl die Orientierung in den Beiträgen als auch den systematischen Vergleich der Beiträge untereinander – auch wenn anzumerken ist, daß sich nicht alle Beiträge tatsächlich an diese Gliederung halten.

Im Folgenden gehe ich auf ausgewählte Buchbeiträge ein, um die Bandbreite dieses umfangreichen Werkes und seiner Inhalte zu veranschaulichen. Dabei steht jeder der ausgewählten Aufsätze stellvertretend für einen der insgesamt sechs Sammelbandabschnitte.

Heike Behrend („Im Jenseits der Methoden: Zufall und Konflikt in der ethnographischen Medienforschung“, 1-16) untersucht in ihrem Beitrag fotografische Praktiken an der ostafrikanischen Küste (v.a. Kenia). In ihren ethnographischen Forschungen ist das technische Medium der Fotografie aber nicht nur Forschungsthema, sondern wird als „Instrument zur Produktion von Wissen“ in den Forschungsprozess mit ein bezogen (1). Nachdem Behrend wichtige Stationen in der Geschichte der ethnographischen Feldforschung und der Fotografie nachgezeichnet und einen Einblick in ihre persönlichen Feldforschungserfahrungen gegeben hat, kommt sie zu dem Schluss, dass Fotografie als „sozialer Vertrag“ zwischen den Personen verstanden werden kann, die an der Produktion, Zirkulation und Konsumption einer Fotografie teilhaben (13–15). Fotografie ist so mehr als ein rein ästhetisches Objekt; Fotografie ist auch ein politisches Instrument, das Menschen aneinander bindet. Es sind für Behrend also die sozialen Beziehungen und Interaktionen, die im Forschungsprozess im Vordergrund stehen und weniger mediale Inhalte.

Mobile Kommunikation, materielle Kultur und kulturelle Verflechtungen in Westafrika sind Themen des Aufsatzes von Hans Peter Hahn („Mobile Kommunikation, Materielle Kultur und neue Verflechtungen“. Ethnographische Erfahrungen aus Westafrika“, 153-171). In seiner ethnographischen Forschung analysiert Hahn die Einbettung der Technik der Mobilkommunikation in unterschiedlichen sozialen Feldern unter Neudefinition von bestimmten Rahmenbedingungen – ein Prozess den er als „kulturelle Aneignung“ beschreibt (162). . Für Hahn beschreibt der Begriff Aneignung „einen Prozess kulturellen Wandels, durch den neue Institutionen oder Dinge transformiert, […], und auf diese Weise in eine Kultur integriert werden“ (163). Kulturelle Aneignung ist für ihn ein Instrument, das besonders gut geeignet ist, sowohl „die Rolle der Nutzer als Akteure“ (162) hervorzuheben als auch „Transformationen und kreative Neudefinitionen“ in der Verwendung von Mobiltelefonen herauszustellen (164). In der ethnographischen Forschung ist die materielle Dimension von Kommunikationsmedien wie dem Mobiltelefon nach Hahn von besonderer Bedeutung und muss Untersuchungen zum Mediengebrauch erweitern, um gesellschaftlichen und kulturellen Wandel fassbar zu machen.

Martin Zillinger („Was sind mediale Räume?“, 173-186) gibt in seinem Beitrag Einblick in mediale Praktiken von Trance-Bruderschaften in Marokko sowie von marokkanischen Migrantinnen und Migranten in Belgien. Dabei stellt und beantwortet er die Frage, was mediale Räume sind und wie sie ethnographisch untersucht werden können. Nachdem Zillinger seinen Weg ins Forschungsfeld beschrieben hat, stellt er zunächst die Medienakteure und -praktiken seiner ethnographischen Forschung vor, um in einem nächsten Schritt seine methodisch-theoretische Herangehensweise auszuführen. Bruno Latour folgend, kommt Zillinger zu dem Schluss, dass mediale Räume in der „Übersetzung und Verknüpfung von Personen, Zeichen und Dingen“ entstehen und dass sie am besten an den „Schnittstellen ihrer Gestaltung“ erforscht werden sollten (184). Medien können nach Zillinger über ihren Gebrauch verstanden und interpretiert werden, was von Ethnographinnen und Ethnographen ein holistisches Verständnis von Medien- und Medialisierungspraktiken im Feldforschungsprozess verlangt.

Der Aufsatz von Cora Bender („Indigene Medien, Ethnographie und Souveränität“, 279-300) befasst sich mit den politischen Dimensionen von indigenen Medien und Medienarbeit sowie damit, wie diese ethnographisch untersucht werden können. Auch Bender diskutiert ihren Weg ins Feld, um dann in ihren medienethnographischen Grundüberlegungen mit einem Abriss zur Geschichte indigener Medien den Zusammenhang zwischen der (politischen) Souveränität indigener Gruppen und der Medienethnographie zu erläutern – ein Thema, das in der Ethnologie laut Autorin bisher zu wenig Beachtung fand (284). Anhand von Beispielen aus ihrer Feldforschung zeigt Bender, „wie indigene Medien in Zeiten zugespitzter politischer Auseinandersetzung vermitteln, einen Platz für sich bestimmen und dabei gleichzeitig den Platz indigener Souveränität behaupten“ (286). Sie schließt ihre Ausführungen mit dem Hinweis, dass indigene Medien nicht nur unabhängige indigene Positionen vermitteln, sondern auch indigene Akteure transformieren und unterschiedliche Handlungsebenen erschließen. Dies gelingt – vor allem in Zeiten digitaler und sozialer Medien – unter anderem durch die Verflechtung von individueller Selbstgestaltung, politischer Souveränität und sozialen Beziehungen.

Katharina Schramm („Vom Horror des Hybriden und der Zelebrierung genetischer Vielfalt. Zu Darstellung von Rasse und Genealogie im gegenwärtigen Südafrika“, 319-341) diskutiert in ihrem Aufsatz und anhand von Fallbeispielen Aspekte der Darstellung und Repräsentation von Rasse und Genealogie in Südafrika. Dabei versteht sie die „suggerierte Trennung“ von Natur und Kultur als Mediatisierungs- und Übersetzungsprozess auf welchen sie in ihrer ethnographischen Untersuchung fokussiert, um zu verstehen wie Rasse in einem Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit koproduziert wird (320). Rasse, so schließt Schramm, wird als Objekt in beständiger Übersetzungs- und Mediatisierungsarbeit zwischen bildlicher Repräsentation, sozialer Kategorisierung und Materialität „immer wieder neu hergestellt“ (338). In weiterer Folge sind es für sie besonders die Wechselwirkungen zwischen Gegenstand, Interpretationen und Darstellungen, die es kritisch zu untersuchen und zu verstehen gilt.

Als letzten zu besprechenden Beitrag habe ich den Aufsatz von Dorle Dracklé („Ethnographische Medienanalyse: Vom Chaos zum Text“, 387-403) ausgewählt. Sie zeichnet auf praktische und nachvollziehbare Art und Weise Schritte und Zwischenschritte ethnographischer Medienanalyse nach und kommentiert sie kritisch: vom Archiv gesammelter Feldforschungsdaten, die in unterschiedlichsten Formen und Formaten vorliegen, über die Grenzen des Organisierens und Auswertens mittels Computerprogramm, über das Analysieren der Materialien und Materialarten, die sich bei Medienanalysen als besonders vielfältig gestalten, bis hin zum Schreiben erster Textversionen. Besonders für den Arbeitsschritt der Analyse betont Dracklé die Verbindungen, die es zwischen Datenmaterial und Themenfeldern aufzuarbeiten gilt und die letztlich „die Sinnhaftigkeit kultureller Handlungen erschließen“ (396). Hier unterscheidet sich die medienethnographische Untersuchung nicht von anderen ethnographischen Forschungsprojekten.

Wie im Vorwort von Herausgeberin und Herausgeber versprochen, trägt der Sammelband zur medienethnographischen Methodenreflexion bei, und wird so sicher auch Diskussionen und Debatten im wachsenden und dynamischen Feld der Medienethnologie beziehungsweise Medienanthropologie anstoßen. Auch leistet der Band einen Beitrag zu der von Herausgeberin und Herausgeber geforderten verstärkten Refokussierung auf Ethnographie, als literarisches Produkt sowie als methodische Strategie, in ethnologischer Lehre und Forschung. Für ein „Handbuch der Medienethnographie“ hätte ich mir allerdings eine deutlich stärkere Betonung des theoretischen Charakters der Ethnographie als Erkenntnisweise und -strategie ebenso gewünscht wie eine stärkere Aufarbeitung der Unterschiede zwischen Ethnographie, Feldforschung und teilnehmender Beobachtung innerhalb der Ethnologie oder Kultur- und Sozialanthropologie. Ausführungen zur Digitalen Ethnographie, die eng mit Medienethnographie verbunden ist und sich als interdisziplinärer Forschungsbereich in Zeiten intensivierter Digitalisierung zunehmenden Interesses erfreut, hätten dem Band gutgetan (vgl. z.B. Boellstorff et al. 2012, Pink et al. 2015). Insgesamt handelt es sich aber um ein empfehlenswertes Buch, das den Bestand an der noch immer eher dünn gesäten ethnologischen beziehungsweise kultur- und sozialanthropologischen Methodenliteratur im deutschen Sprachraum mit Sicherheit bereichert.

Verweise

Boellstorff, T., Nardi, B., Pearce, C., Taylor, T.L. & G.E. Marcus. 2012. Ethnography and virtual worlds: a handbook of method. Princeton: Princeton University Press.
Pink, S., Horst, H., Postill, J., Hjorth, L., Lewis, T. & J. Tacchi. 2015. Digital ethnography: principles and practice. Thousand Oaks, CA: Sage.

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