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Review: Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte.

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Budka, P. 2014. Review of Hess, S., Moser, J. & M. Schwertl (eds.). Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin: Reimer Verlag, 2013; 332 pp. Anthropos, 109.2014/2: 694-696.

Mit dem Sammelband „Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte.“ ist es den HerausgeberInnen und AutorInnen gelungen eine wichtige, und wie ich finde längst überfällige, Sammlung rezenter Methoden und theoretischer Konzepte nicht nur für die Europäische Ethnologie/Volkskunde zusammenzustellen. Auch wenn der Titel ein Naheverhältnis des Bandes und seiner Inhalte zur Europäischen Ethnologie nahelegt, ist dieses Werk durchaus auch VertreterInnen anderer kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen – von Kultur- und/oder Sozialanthropologie bis Soziologie – empfohlen. Insgesamt 17 AutorInnen geben in 12 Beiträgen einen einführenden Überblick zu methodischen und methodologischen Überlegungen sowie Konzepten, die in den letzten Jahren im einschlägigen wissenschaftlichen Fachdiskurs massiv an Bedeutung gewonnen haben: von Ethnographie und Feldtheorien über Akteur-Netzwerk-Theorie bis hin zur Analyse visueller und materieller Kultur. Im Folgenden will ich mich einer subjektiven Auswahl an Buchbeiträgen widmen, um so zu versuchen die Bandbreite dieses Werkes und seiner Inhalte darzulegen.


Sabine Hess und Maria Schwertl behandeln in ihrem einführenden Beitrag zunächst genealogisch die Methodenentwicklung und Methodendebatte in der Europäischen Ethnologie/Volkskunde. Dabei wird einerseits die zentrale Bedeutung des empirisch-ethnographische Forschens als das entscheidende Spezifikum des Faches dargelegt. Andererseits bieten die Autorinnen einen Ausblick in die Zukunft einer Anthropologie des Zeitgenössischen oder des Gegenwärtigen und die damit verbundene Notwendigkeit methodische Probleme und Herausforderungen, wie die Erweiterung und Dynamisierung des Feldkonzeptes, zu reflektieren und entsprechend neue Konzepte zu entwickeln und anzuwenden. So vertreten sie den programmatischen Anspruch in „Assemblagen radikal konstruktivistisch zu forschen“, der eine Erweiterung der räumlichen Dimension in der ethnographischen Analyse von komplexen, sozialen Verbindungen und Netzwerken beinhaltet (pp. 33).

Gisela Welz setzt die Überlegungen des einführenden Beitrages fort und beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit neuen Formen der Zeitorganisation in der ethnographischen Feldforschung. Sie stellt einen gegenwärtigen Trend zur „Temporalisierung“ von Feldforschung – also die zeitlich verteilte oder diskontinuierliche Feldforschung – nicht nur in der Europäischen Ethnologie fest und sieht diese in der Veränderung wissenschaftlicher und universitärer Ausbildungspraktiken ebenso begründet wie in der Reduktion von Transportkosten sowie der Zunahme von elektronischen und digitalen Kommunikationsmöglichkeiten. Welz betont darüber hinaus, dass auch die „Beschaffenheit der untersuchten Gesellschaften oder sozialen Situationen“ sequenzielle und zeitlich gestaffelte Feldforschung begünstigen oder sogar erfordern (pp. 51). Die Temporalisierung von Feldforschung in der Europäischen Ethnologie und anderen ethnographisch arbeitenden Wissenschaften reagiert so lediglich auf die Temporalisierung des sozialer Alltagspraktiken der Akteure, die es zu untersuchen gilt.

In einem weiteren Beitrag befasst sich Michi Knecht mit den Potenzialen und Zugängen der Ethnographie und der „Praxeographie“ in der Wissenschafts-, Medizin- und Technikforschung. Das Konzept der „Praxeographie“ meint den ethnographischen Zugang im Kontext praxistheoretischer Überlegungen unter besonderer Berücksichtigung von Aktionen und Interaktionen von Akteuren und Objekten, wie etwa in der Akteur-Netzwerk-Theorie. Beide Zugänge erscheinen ihr sehr gut geeignet komplexe Systeme zu dokumentieren und zu analysieren. So ermöglichen diese Wissen und Lernprozesse als „verkörperte, relationale und kontextuelle Praxen“ zu verstehen, das komplexe Zusammenwirken von, beispielsweise, Kultur und Natur zu analysieren und Fragen nach Materialität, Körperlichkeit und Infrastrukturen in den Fokus zu rücken (pp. 81). Vorrangiges Ziel in der Anwendung von ethnographischen und „praxeographischen“ Zugängen in Wissenschafts- und Technikforschung ist es Menschen und Artefakten gleichermaßen Aufmerksamkeit zu widmen, um so den Anthropozentrismus klassischer Ethnographien zu überwinden. Ethnographie ist hierbei nicht nur als Methode zu verstehen, sondern auch als epistemologischer und ontologischer Zugang, der ethische und programmatische Dimensionen beinhaltet und der sich im Forschungsprozess ständig neu ausbalanciert. Die sich beständig verbreiternde Auseinandersetzung der ethnographischen Fächern mit ihrer eigenen Praxis resultiert auch in der Formulierung ethnographischer Gütekriterien, die für eine substanzielle Debatte über Ethnographie und „Praxeographie“ in der Analyse komplexer Phänomene wichtig sind.

Walter Leimgruber, Silke Andris und Christine Bischoff geben einen Einblick in die Visuelle Anthropologie, deren Geschichte und Entwicklung, und stellen dann Methoden visueller Anthropologie anhand der beiden Medien Foto und Film vor. Mit Hilfe zweier Fallbeispiele werden zunächst methodologische Schritte in der ethnographischen Bildanalyse behandelt, um dann die Probleme und Möglichkeiten bei Dreharbeiten zu einem ethnographischen Film zu diskutieren. Diese zwei Fälle stehen exemplarisch für die zwei dominierenden Richtungen in der Visuellen Anthropologie: das Feld der Medienproduktion und den Prozess der Herstellung von eigenen (visuellen) Material sowie den Bereich der Medienanalyse, vorwiegend von fremden (visuellen) Material. Durch den „digital turn“ kommt es nun zu einer Vermischung von Medien – Stichworte „multimedial“ und „multisensorisch“ – und damit verbunden zur Notwendigkeit, „die Forschung über das Bild hinaus auszuweiten“ (pp. 273). Diese Entwicklung stellt die Visuelle Anthropologie und ihre Methoden zwar vor neue Herausforderungen, grundlegende Elemente der visuellen Analyse können aber auch weiterhin angewendet werden. Visuelle Methoden sollen so auch zukünftig nicht nur für die anthropologische Wissensbestätigung oder zur Illustration genutzt werden, sondern vor allem zur Wissensgenerierung.

Den Schlusspunkt in diesem Sammelband setzt ein E-Mail-Interview, das Sabine Hess und Maria Schwertl mit George E. Marcus führten. Dabei reflektiert der renommierte Kulturanthropologe, der besonders für seine Beiträge in der ethnographischen Repräsentationsdebatte sowie der Diskussion um neue Feldbegriffe und Feldforschungsparadigmen bekannt ist, einerseits über von ihm mitgeprägte Begrifflichkeiten wie „Forschungsdesign“, „Labor“ oder „kollaboratives Forschen“. Andererseits erläutert er auch kurz die Bedeutung von theoretischen Zugängen, wie Assemblage oder Akteur-Netzwerk-Theorie, Konzepte, die in vorliegendem Sammelband häufig aufgegriffen wurden, für die ethnographischen und anthropologischen Wissenschaften. Wie EthnographInnen in dynamischen und komplexen Feldern, wie beispielsweise Wissensökonomien und deren politische Dimensionen, operieren und diese in ihr Feldforschungsdesign integrieren, bezeichnet Marcus als größte Herausforderung für die zeitgenössische anthropologische Forschung. Das Beschreiten neuer methodologischer und epistemologischer Wege sowie das Besinnen auf ethnographische Traditionen schließen sich hier nicht aus.

Die von den HerausgeberInnen im Vorwort erhobenen Ansprüche mittels dieses Bandes sich verändernde Fragestellungen und Gegenstandsbezüge – nicht nur in der Europäischen Ethnologie – zu thematisieren, das Repertoire an Methodenliteratur zu erweitern sowie ein Toolkit für den Methodenunterricht zur Verfügung zu stellen, kann als durchaus gelungen bewertet werden. Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, das den Bestand an noch immer eher dünn gesäter ethnologischer/kultur- und/oder sozialanthropologischer Methodenliteratur mit Sicherheit bereichert.

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